Muss man für bessere sportliche Leistungen abnehmen?
Wenn die Zahl auf der Waage wichtiger wird als die Leistung
Viele Menschen beginnen mit Sport, um fitter, gesünder oder leistungsfähiger zu werden. Gleichzeitig begegnet uns in der Praxis immer wieder die Vorstellung, dass sportlicher Erfolg vor allem mit einem möglichst niedrigen Körpergewicht verbunden sei.
„Wenn ich ein paar Kilo verliere, werde ich bestimmt schneller laufen.“
„Mit weniger Gewicht könnte ich meine Leistung verbessern.“
„Für meinen Sport sollte ich eigentlich noch definierter sein.“
Solche Gedanken sind nicht nur im Leistungs- und Spitzensport verbreitet. Auch viele Hobby- und Freizeitsportler setzen sich unter Druck, ihr Gewicht zu reduzieren, um ihre sportlichen Ziele zu erreichen.
Doch was sagt die Wissenschaft tatsächlich? Verbessert Abnehmen automatisch die sportliche Leistung? Oder birgt dieser Fokus auf die Waage möglicherweise Risiken für Gesundheit, Essverhalten und langfristige Leistungsfähigkeit?
Der folgende Beitrag von Theda Smetkin beleuchtet, warum sportliche Leistung deutlich komplexer ist als eine Zahl auf der Waage – und weshalb ein starker Fokus auf Gewichtsverlust häufig mehr schadet als nützt.
Theda Smetkin ist Gründerin der THES Schwerpunktpraxis für Ernährungstherapie und Sporternährung. Neben der Begleitung von Menschen mit Essstörungen und gestörtem Essverhalten liegt ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Sporternährung im Hobby- und Leistungssport.
In ihrer täglichen Praxis begleitet sie Menschen, die ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit verbessern möchten, ohne dabei in ungesunde Ernährungs- oder Trainingsmuster zu geraten. Besonders wichtig ist ihr dabei die wissenschaftlich fundierte Vermittlung von Ernährungsthemen sowie ein realistischer und nachhaltiger Umgang mit Körpergewicht, Leistung und Essverhalten.
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Muss man für bessere sportliche Leistungen abnehmen?
Die kurze Antwort lautet:
Nein.
Zumindest nicht pauschal.
Die Vorstellung, dass weniger Körpergewicht automatisch zu besseren sportlichen Leistungen führt, hält sich hartnäckig. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Leistung hängt nicht vom BMI ab
Wenn über Gewicht im Sport gesprochen wird, fällt häufig der Begriff BMI.
Der BMI wurde ursprünglich entwickelt, um Bevölkerungsgruppen statistisch zu beschreiben. Für die Bewertung sportlicher Leistungsfähigkeit eignet er sich jedoch nur eingeschränkt.
Ein muskulöser Kraftsportler kann einen hohen BMI haben und gleichzeitig körperlich hervorragend trainiert sein. Umgekehrt kann eine Person mit einem niedrigen BMI gesundheitliche Probleme oder eine unzureichende Energieversorgung aufweisen.
Studien zeigen, dass die Körperzusammensetzung deutlich aussagekräftiger ist als das reine Körpergewicht.
Während in Ausdauersportarten häufig ein geringerer Körperfettanteil Vorteile mit sich bringt, profitieren Kraft- und Mannschaftssportarten oft von mehr Muskelmasse. Ein allgemeingültiger „Ideal-BMI“ existiert daher nicht.
Muskelmasse schlägt Gewichtsverlust
Aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass sportliche Leistung stärker von Faktoren wie:
- Muskelmasse
- Trainingszustand
- Energieverfügbarkeit
- Regeneration
- sportartspezifischen Anforderungen
abhängt als von einer möglichst niedrigen Zahl auf der Waage.
Selbst im Ausdauersport lässt sich kein klarer Körperfett-Grenzwert identifizieren, ab dem die Leistung automatisch steigt.
Leistung entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren – nicht allein durch Gewichtsverlust.
Wenn Abnehmen die Leistung verschlechtert
Besonders deutlich wird dies bei schnellen Gewichtsverlusten.
Vor allem in Kampfsportarten verlieren Athlet häufig innerhalb weniger Tage mehrere Kilogramm Körpergewicht, um bestimmte Gewichtsklassen zu erreichen.
Mehrere aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass solche Strategien häufig mit:
- verminderter Kraft
- geringerer Explosivität
- stärkerer Ermüdung
- schlechterer Stimmung
- reduzierter Regeneration
verbunden sind.
Je schneller und stärker das Gewicht reduziert wird, desto größer ist das Risiko für Leistungseinbußen.
Der eigentliche Risikofaktor: Zu wenig Energie
In der Sporternährung wird zunehmend über das sogenannte RED-S-Syndrom gesprochen.
RED-S steht für:
Relative Energy Deficiency in Sport
Gemeint ist eine Situation, in der Sportler dauerhaft weniger Energie aufnehmen, als ihr Körper für Training, Regeneration und grundlegende Körperfunktionen benötigt.
Mögliche Folgen sind:
- Leistungsabfall
- erhöhte Verletzungsanfälligkeit
- hormonelle Störungen
- Konzentrationsprobleme
- Müdigkeit
- geschwächtes Immunsystem
Paradoxerweise kann also gerade der Versuch, leistungsfähiger zu werden, durch zu starkes Kaloriensparen die Leistung verschlechtern.
Auch Hobbysportler sind betroffen
Ein weit verbreiteter Irrtum lautet, dass problematisches Essverhalten nur im Spitzensport vorkomme.
Die Forschung zeigt jedoch etwas anderes.
Aktuelle Untersuchungen belegen, dass auch Freizeit- und Fitnesssportler ein erhöhtes Risiko für gestörtes Essverhalten aufweisen.
Viele Betroffene erleben:
- Schuldgefühle nach bestimmten Lebensmitteln
- ständiges Kalorienzählen
- Angst vor Gewichtszunahme
- übermäßige Beschäftigung mit „sauberer“ Ernährung
- Trainingszwang
Besonders auffällig ist, dass viele Menschen diese Verhaltensweisen zunächst als „gesund“ wahrnehmen.
Wann wird gesundes Verhalten ungesund?
Sport und eine bewusste Ernährung können die Gesundheit fördern.
Problematisch wird es dann, wenn sich das gesamte Denken nur noch um:
- Kalorien
- Körpergewicht
- Trainingsumfang
- Körperfettanteil
dreht.
Aktuelle Studien zeigen, dass Leistungsdruck, gesellschaftliche Schönheitsideale und die ständige Vergleichbarkeit über soziale Medien diesen Prozess zusätzlich verstärken können.
Vor allem Menschen, die Sport ursprünglich aus Freude betreiben, verlieren dadurch häufig den Bezug zu den eigentlichen positiven Aspekten von Bewegung.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die aktuelle Forschung liefert eine klare Botschaft:
Für die meisten Hobby- und Freizeitsportler ist eine ausreichende Energiezufuhr wichtiger als möglichst schnell Gewicht zu verlieren.
Statt sich ausschließlich auf die Waage zu konzentrieren, lohnt sich der Blick auf Fragen wie:
- Bin ich ausreichend versorgt?
- Unterstützt meine Ernährung mein Training?
- Erhole ich mich ausreichend?
- Kann ich meine Leistung langfristig steigern?
Denn sportlicher Fortschritt entsteht nicht durch möglichst wenig Essen, sondern durch eine sinnvolle Kombination aus Training, Regeneration und Ernährung.
Fazit
Die Wissenschaft zeigt deutlich:
Leistung im Sport hängt nicht primär davon ab, möglichst schlank zu sein.
Viel wichtiger sind eine sportartspezifisch sinnvolle Körperzusammensetzung, ausreichend Energie, Regeneration und ein gesundes Essverhalten.
Der weit verbreitete Gedanke „besser werden bedeutet abnehmen“ ist wissenschaftlich nur begrenzt haltbar.
Gleichzeitig kann dieser Fokus auf das Gewicht das Risiko für Diäten, gestörtes Essverhalten, Trainingszwang und Essstörungen erhöhen – und zwar nicht nur im Leistungssport, sondern auch bei Hobby- und Freizeitsportler.
Wer langfristig leistungsfähig bleiben möchte, profitiert meist mehr von einer bedarfsgerechten Ernährung als von einer dauerhaften Gewichtsfixierung.
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In unserer Praxis erleben wir regelmäßig, dass Sportler ihre Leistung verbessern möchten und dabei den Blick vor allem auf ihr Körpergewicht richten. Dabei wird häufig unterschätzt, wie wichtig eine ausreichende Energieversorgung, Regeneration und ein entspanntes Essverhalten für langfristige Leistungsfähigkeit sind.
Unser Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, Ernährung als Werkzeug für Gesundheit und Leistung zu nutzen – nicht als zusätzliche Belastung.
Wenn Sie Fragen zur Sporternährung, zu Gewichtsmanagement im Sport oder zu einem belastenden Essverhalten haben, begleiten wir Sie gerne im Rahmen einer individuellen Ernährungsberatung oder Ernährungstherapie.
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Hinweis: Die in diesem Artikel dargestellten Erkenntnisse basieren überwiegend auf aktuellen systematischen Reviews, Meta-Analysen und Übersichtsarbeiten. Einzelne Ergebnisse können je nach Sportart, Trainingsniveau und individueller Ausgangssituation variieren.




