Clean Eating: Was die Wissenschaft wirklich über den Ernährungstrend sagt TEIL 1
Gesund essen – oder schon zu gesund?
Kaum ein Ernährungstrend hat in den vergangenen Jahren so viel Aufmerksamkeit erhalten wie Clean Eating. Auf Social Media begegnen uns täglich Bilder von perfekt angerichteten Bowls, selbstgemachten Proteinriegeln oder sogenannten „cleanen“ Rezepten. Gleichzeitig vermitteln viele Beiträge den Eindruck, dass nur unverarbeitete, natürliche Lebensmittel wirklich gesund seien – während Zucker, Fertigprodukte oder bestimmte Lebensmittelgruppen grundsätzlich vermieden werden sollten.
Auch in unserer Praxis erleben wir regelmäßig Menschen, die sich bewusster ernähren möchten und sich fragen: Ist Clean Eating tatsächlich der gesündeste Weg?
Die kurze Antwort lautet: Es kommt darauf an.
Die aktuelle Forschung zeigt, dass viele Grundprinzipien des Clean Eating durchaus mit wissenschaftlichen Empfehlungen übereinstimmen. Problematisch wird es allerdings dann, wenn aus einem gesunden Ernährungsstil starre Regeln, Verbote oder ein übermäßiger Perfektionsanspruch entstehen.
Im ersten Teil unserer Blogreihe schauen wir uns deshalb an, welche Bestandteile des Clean Eating wissenschaftlich gut belegt sind und warum eine pflanzenbetonte Ernährung sowohl für die Gesundheit als auch für die sportliche Leistungsfähigkeit Vorteile haben kann.
Über die Autorin
Theda Smetkin ist Gründerin der THES Schwerpunktpraxis für Ernährungstherapie und Sporternährung. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der evidenzbasierten Ernährungsberatung sowie der Begleitung von Menschen mit Essstörungen, gestörtem Essverhalten und sportbezogenen Ernährungsfragen.
In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie, wie stark Ernährungstrends über soziale Medien das Essverhalten beeinflussen können. Deshalb ist es ihr ein besonderes Anliegen, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich einzuordnen und Menschen dabei zu unterstützen, eine ausgewogene und langfristig umsetzbare Ernährung zu entwickeln – ohne Verbote, Schuldgefühle oder unnötige Perfektion.
Was bedeutet Clean Eating überhaupt?
Interessanterweise existiert in der Wissenschaft keine einheitliche Definition für den Begriff Clean Eating.
Die meisten Studien verwenden stattdessen Begriffe wie:
- hochwertige Ernährungsqualität (Diet Quality)
- pflanzenbetonte Ernährung
- mediterrane Ernährung
- gesunde Ernährungsmuster (Healthy Dietary Patterns)
Gemeinsam haben diese Ernährungsformen vor allem eines:
Sie bestehen überwiegend aus möglichst naturbelassenen Lebensmitteln.
Dazu gehören insbesondere:
Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, hochwertige pflanzliche Öle, regelmäßig Fisch;
und möglichst wenig:
- stark verarbeitete Lebensmittel
- zuckerhaltige Getränke
- stark verarbeitetes Fleisch
- Süßigkeiten in großen Mengen
Mit diesen Grundprinzipien deckt sich Clean Eating in vielen Punkten mit den Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften.
Was sagt die Wissenschaft?
Die gute Nachricht:
Viele Bestandteile einer pflanzenbetonten Ernährung gehören zu den am besten untersuchten Ernährungsformen überhaupt.
Aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass Menschen, die überwiegend pflanzlich, ballaststoffreich und wenig verarbeitet essen,
- seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln,
- ein geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes haben,
- günstigere Blutfett- und Blutzuckerwerte aufweisen,
- seltener an bestimmten Krebsarten erkranken
- und insgesamt eine niedrigere Sterblichkeit zeigen.
Dabei geht es jedoch nicht darum, einzelne Lebensmittel als „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen.
Vielmehr profitieren Menschen von einer insgesamt höheren Ernährungsqualität.
Mediterrane Ernährung – eines der am besten untersuchten Ernährungsmuster
Wenn Forschende nach besonders gesundheitsförderlichen Ernährungsformen suchen, fällt ein Ernährungsmuster immer wieder auf:
Die mediterrane Ernährung.
Sie zeichnet sich durch einen hohen Anteil an:
- Gemüse
- Obst
- Vollkorn
- Hülsenfrüchten
- Olivenöl
- Nüssen
- Fisch
und gleichzeitig einen geringen Anteil an hochverarbeiteten Lebensmitteln aus.
Zahlreiche Studien bringen diese Ernährungsweise mit:
- einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
- günstigeren Stoffwechselwerten,
- niedrigeren Entzündungsmarkern
und einer insgesamt höheren Lebenserwartung in Verbindung.
Viele der Prinzipien, die heute unter dem Begriff Clean Eating bekannt sind, entsprechen deshalb im Kern bereits den Empfehlungen der mediterranen Ernährung.
Warum Ballaststoffe so wichtig sind
Ein weiterer gemeinsamer Nenner nahezu aller gesundheitsförderlichen Ernährungsmuster ist die hohe Ballaststoffzufuhr.
Ballaststoffe fördern unter anderem:
- eine vielfältige Darmflora,
- eine bessere Sättigung,
- eine günstigere Blutzuckerregulation
und können langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Darmkrebs reduzieren.
Interessanterweise erreichen viele Menschen die empfohlenen Ballaststoffmengen im Alltag jedoch nicht.
Bereits kleine Veränderungen – beispielsweise mehr Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte oder Gemüse – können hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Clean Eating und Sport – passt das zusammen?
Gerade im Sportbereich wird Clean Eating häufig als idealer Ernährungsstil dargestellt.
Grundsätzlich ist daran vieles sinnvoll.
Auch aktuelle Studien zeigen, dass eine hochwertige Ernährungsqualität für Sportlerinnen und Sportler zahlreiche Vorteile bieten kann.
Eine überwiegend pflanzenbetonte Ernährung liefert reichlich Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Antioxidantien, die Regeneration, Immunsystem und Gefäßfunktion unterstützen können.
Mediterran orientierte Ernährungsmuster werden zudem mit einer besseren Körperzusammensetzung, einer geringeren Entzündungsaktivität und teilweise auch mit Vorteilen für Ausdauer und Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht.
Doch hier zeigt sich bereits ein wichtiger Unterschied zwischen wissenschaftlicher Sporternährung und dem, was häufig unter Clean Eating verstanden wird.
Sportlerinnen und Sportler benötigen nicht nur möglichst hochwertige Lebensmittel – sondern vor allem ausreichend Energie.
Gerade Ausdauer- und Mannschaftssportler nehmen Studien zufolge häufig zu wenig Kohlenhydrate auf, obwohl diese den wichtigsten Energielieferanten für viele Trainingsformen darstellen.
Eine möglichst „saubere“ Ernährung ersetzt deshalb keine individuell angepasste Sporternährung.
Fortsetzung in Teil 2...
Quellen
Hinweis: Die folgenden Studien und Übersichtsarbeiten bilden die wissenschaftliche Grundlage dieses Blogartikels. Berücksichtigt wurden überwiegend aktuelle systematische Reviews, Scoping Reviews und Meta-Analysen, die den Zusammenhang zwischen Ernährungsqualität, pflanzenbetonten Ernährungsmustern und Gesundheit bzw. sportlicher Leistungsfähigkeit untersuchen.
Alahmari, K. et al. (2024).
The Influence of Social Media Content on Clean Eating Behaviours and Disordered Eating: A Systematic Review.
Amawi, H. et al. (2024).
Mediterranean Dietary Patterns and Athletic Performance: Current Evidence.
Barney, M. et al. (2024).
Diet Quality in Athletes: A Scoping Review. Sports Medicine.
Bianchi, G. et al. (2024).
Diet Quality and Nutritional Adequacy in Competitive Athletes.
De Menezes, M. et al. (2023).
Mediterranean Dietary Pattern and Inflammatory Biomarkers: A Systematic Review.
Dehghani, M. et al. (2025).
Macronutrient Intake and Diet Quality in Athletes: Current Perspectives.
Dion, T. et al. (2024).
Dietary Patterns, Recovery and Athletic Performance: An Evidence-Based Review.
Fiorini, L. et al. (2025).
Fruit and Vegetable Intake Among Competitive Athletes.
Hu, F. et al. (2024).
Healthy Dietary Patterns and Chronic Disease Prevention.
Kachouei, M. et al. (2024).
Dietary Fibre Intake and Prevention of Cardiometabolic Diseases: Umbrella Review.
Kaufman, K. et al. (2023).
Diet Quality and Nutrient Intake Among Collegiate Distance Runners.
Lim, J. et al. (2024).
Plant-Based Dietary Patterns and Long-Term Health Outcomes.
Mantzioris, E. et al. (2024).
Mediterranean Diet and Sports Nutrition: Current Perspectives.
Martín-Rodríguez, A. et al. (2024).
Diet Quality in Elite and Para Athletes.
Martinović, A. et al. (2022).
Nutrition Knowledge and Dietary Behaviour Among Athletes.
Rickerby, S. et al. (2024).
Healthy Dietary Patterns and Prevention of Chronic Disease: A Comprehensive Review.
Schneider, C. et al. (2023).
Mediterranean Diet and Exercise Performance: A Narrative Review.
Sutehall, S. et al. (2025).
Diet Quality Assessment in High Performance Athletes.
Tyrała, F. et al. (2025).
Dietary Patterns and Athletic Performance: Systematic Review.
Wang, Y. et al. (2023).
Mediterranean and Vegetarian Dietary Patterns Reduce Systemic Inflammation: A Meta-analysis.
Wu, X. et al. (2023).
Healthy Eating Patterns and Cardiometabolic Health.




